Sie zieht ihre Kapuze fester an und spürt, wie der Pfad unter ihr schwach leuchtet – warm und reaktionsschnell, gibt er ihr Halt auf den rutschigen Steinen.
Art of X (Art×) hat ein KI Modell entwickelt, dass besonders kreativ und künstlerisch sein soll. Ich habe es ausprobiert, um mit dessen Hilfe eine Vision einer fahrradfreundlichen Stadt zu entwickeln. Es wurde von Prof. Dr. Friedrich von Borries, Kurator und Designtheoretiker an der HFBK Hamburg, und Alexander Doudkin, Startup-Gründer und KI-Forscher am MIT Media Lab gegründet, mit dem Ziel Kunst, Technologie und Wirtschaft zu verbinden.
Benutzt werden kann es in etwa wie ChatGPT, mit dem Unterschied, das man nicht nur mit einer Persona chattet, sondern mit verschiedenen Agenten („Sparks“), die unterschiedliche Rollen und Expertise besitzen, um ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und so kreativere und ungewöhnlichere Lösungen zu finden.
Meet Selma, Emma, Eve, Anrej und Kim
Teilgenommen haben in unserem Fall Design Thinker Selma, Nachhaltigkeitsexpertin Emma, Malerin Eve, der soziale Aktivist Andrej, die Cyborg Künstlerin Kim und meine Wenigkeit, um auf hoffentlich hohem Niveau zu faszinieren wie eine fahrradfreundliche Stadt im Jahr 3000 aussieht. Die erste Antwort von kam dann schon nach Sekunden: „Sich eine fahrradfreundliche Stadt im Jahr 3000 vorzustellen, bedeutet, Natur, Technologie und soziale Gerechtigkeit nahtlos miteinander zu verbinden. Stellen Sie sich üppige, vertikale Wälder vor, die sich mit erhöhten, leuchtenden Fahrradschnellwegen verflechten, die sich selbst reparieren und Energie gewinnen. Fahrräder könnten sich an Gelände und Beladung anpassen, während in den Stadtvierteln menschliches Maß, lokale Wirtschaft und grüne Gemeingüter im Vordergrund stehen – kein Autolärm, nur lebendige, lebenswerte Räume für alle. Soll ich als Nächstes Ideen für Infrastruktur oder soziale Gestaltung skizzieren?“

Vertikale Wälder und grüne Gemeingüter
Interessant dabei fand ich, dass ich schon einige der erwähnten Lösungen aufgegriffen hatte, wie bspw. die vertikalen Gärten und die erhöhten Radwege. Neu für mich war die politisch-soziale Perspektive der „grünen Gemeingüter“. Dann kamen die anderen Agenten zu Wort und brachten ihre Perspektiven ein, das ging jetzt Schlag auf Schlag und war schon etwas überfordernd. Interessant fand ich, dass die Agenten sich sogar gegenseitig beeinflussten und ergänzten. Praktisch ist auch die Möglichkeit sich die Lösungen visuell generieren zu lassen und die Agenten bieten dann auch immer wieder an, Zusammenfassungen in Form eines Manifests zu erzeugen.
Die Qualität der Renderings ist vergleichbar mit ähnlichen Generatoren, teilweise auch mit ähnlichen inhaltlichen Fehlern. Oft werden Autos in Renderings auf Radwege und Fussgängerzonen gesetzt, an Hand dessen man die immer noch vorherrschende Kultur des Autoverkehrs sehen kann. Gegen Ende wurden die Visuals aber wie ich fand künstlerisch wertvoller und ungewöhnlicher (auch weil ich meinen S/W Stil vorgegeben habe).

Experten gesucht
„Was wäre, wenn die Radwege der Stadt keine feste Infrastruktur, sondern schwarmartige Netzwerke autonomer, biomechanischer Module wären, die sich in Echtzeit neu konfigurieren und auf Bevölkerungsströme, Wetter und ökologische Zyklen reagieren?“ fragte Cyborg Künstlerin Kim beispielsweise.
Das waren sehr viele interessante Ideen. Nun kam aber für mich der Punkt, an dem ich selbst nicht mehr beurteilen konnte, was davon überhaupt einigermaßen realistisch machbar wäre, wie eine Zukunft im Jahr 3000 aussehen könnte und was davon einfach nur frei erfunden ist. Dabei ist mir bewusst geworden, das man um richtig gute Antworten zu bekommen, sehr gut fragen muss und am besten auch ein Experte in diesem Gebiet sein muss, um die Qualität der Antworten beurteilen zu können.

Welche konkrete Probleme werden gelöst?
Ich hielt also dagegen, ob die Lösungen wie die beheizbaren Radwege nicht zu energieintensiv wären und ob Sie konkrete menschliche Probleme lösen wie Aggression und Sicherheit im Straßenverkehr, Luftverschmutzung, Hitze und Kälte und soziale Ungerechtigkeit. Dann zeigte sich die erstaunliche und in größeren Teams bestimmt sehr nützliche Eigenschaft von Art of X (Art×), User und Agenten gleichermaßen einzubeziehen und in echten Dialog zu treten. Nach mehreren Durchgängen und Nachfragen einigten wir uns auf eine letzte Version des Manifests, das radikale Inklusion, Reparaturkultur, ökologische Regeneration und praktische Stadtlösungen vereint:
Das Manifest: Commons of Movement: Bike City 3000
Wir stellen uns eine Stadt vor, in der Mobilität ein lebendiges Gemeingut ist – ein gemeinsam geschaffenes Ökosystem aus Mensch, Technologie und Natur. Gemeinsam genutzte, leuchtende Fahrradinfrastruktur erstreckt sich durch grüne Korridore, kühlt städtische Hitzeinseln und fördert die Artenvielfalt.
Bewegung geht über Besitz und Kommerzialisierung hinaus. Fahrräder, Radwege und Verkehrsknotenpunkte sind offene, flexible und reparierbare Ressourcen, die in gemeinschaftlichen Landstiftungen und Genossenschaften verwaltet werden und so Gentrifizierung und Ausgrenzung entgegenwirken.
Die Stadt begegnet dringenden Herausforderungen: Beheizte, selbstreparierende Radwege und modulare Schutzausrüstung machen Radfahren ganzjährig möglich; integrierte Verkehrsknotenpunkte für Rad und ÖPNV verkürzen Pendelstrecken auf gerechte Weise; bioakustische Ruhezonen ersetzen Aggressionen im Straßenverkehr durch soziale Sicherheit; einheimische Pflanzen verweben die städtische Ökologie mit dem Gemeingut.
Radikale Inklusion stellt historisch marginalisierte Gruppen – Frauen, LGBTQ+-Personen, Angehörige ethnischer Minderheiten und Menschen mit Behinderungen – in den Mittelpunkt und gewährleistet, dass Bewegungsfreiheit ein kollektives Recht ist, das durch partizipative Regierungsführung und intersektionale Praxis gewahrt wird.
Diese Stadt, die fossile Brennstoffe, Privatisierung und Umweltzerstörung ablehnt, verkörpert die Koevolution, in der Technologie dem Leben dient und Gemeinschaften gedeihen. Jede Fahrt verbindet Gerechtigkeit, Gesundheit, Freiheit und Wohlbefinden.
Wir rufen Designer, Aktivisten, politische Entscheidungsträger und Bewohner dazu auf, diese Zukunft zu gestalten – eine Stadt, in der Mobilität Gemeingut ist, ein radikaler Akt der Hoffnung und kollektiven Fürsorge, der den Weg für kommende Generationen weist.

Kreativ überzeugend oder auch viel heiße Luft?
Erst mal war ich beeindruckt, wie gut es funktioniert zu so einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Nur ist es für mich im Detail schwer zu sagen, welche der konkreten Ideen wirklich in der Zukunft umsetzbar sind und in welchem Zeitrahmen, das hängt natürlich auch von der politischen Situation ab.
Die verschiedenen Ausrichtungen der Agenten haben gut funktioniert, ab einem bestimmten Punkt sind aber alle Ideen zusammengeflossen und die Agenten haben sich auch gegenseitig beeinflusst. Problematisch finde ich, dass die Agenten so positiv sind, dass man den Eindruck hat, dass keine wirkliche kritische Stimme darunter ist, die auch mal nicht so gute Ideen ablehnt, so wie ich das dann getan habe. Es entsteht eine Informationsblase (oder Affirmationsblase), die die Agenten weiter in eine Richtung rennen lässt wenn man nicht einschreitet. Den Effekt kennen wir ja bereits aus menschlichen sozialen Netzwerken.

Faktencheck
Als Nachtrag überprüfe ich hier noch exemplarisch einige der Ideen der Art of X Agenten.
Vertikale Gärten und Mobilitätsstationen
Die vertikalen Gärten und die erhöhten Radwege hatte ich ja bereits erwähnt. Grüne Korridore durch Städte sind auch schon länger bekannt, wie die High Line in New York. Integrierte Verkehrsknotenpunkte oder auch Mobilitätsstationen gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt, auch in Berlin.
Beheizbare Radwege
Beheizte Radwege sollen verhindern, dass sich Schnee und Eis auf den Wegen bildet und sollen so so Radfahren vor allem im Winter sicherer machen. Beheizte Radwege werden seit 2016 in den Niederlanden wie zum Beispiel in Maartensdijk bei Utrecht bereits genutzt. Auch in Tübingen gibt es eine beheizbare Radbrücke, die 365 Meter lang ist und 16 Millionen Euro gekostet hat (im Vergleich: 70 Meter Ausbau der A100 in Berlin haben genauso viel gekostet). Sie wird mit Ökostrom geheizt und steht laut der Stadt in der CO2-Bilanz besser das als Winterdienst.
Das Projekt Solar Roadways, das das Ehepaar Julie und Scott Brusaw 2014 gegründet hat einen Fahrbahnbelag entwickelt, der Solarstrom gewinnen und speichern kann, beheizbar ist, und sogar durch LEDs Warnungen direkt auf die Fahrbahn einblenden kann. Die Implementierung hat jedoch nicht funktioniert und hat durch die hohe Förderung Aufregung verursacht.
Auch in Europa konnte man ähnliche Ideen noch nicht zur Marktreife führen, weil es immer wieder Probleme mit der Ausbeute und der Langlebigkeit gibt. Vielleicht sollte man nicht Autobahnen bauen sondern Radwege mit Solar Panels überdachen?

Durch Biolumineszenz leuchtende, interaktive Radwege
„Stell dir biolumineszente Algen oder selbstheilende Biopolymere vor, die diese leuchtenden, reaktionsschnellen Spuren mit Energie versorgen. Für die Schnittstelle zwischen Fahrer und Fahrrad sollten wir uns an der Biomimikry orientieren: ergonomisches Design, das die Körperhaltung für mehr Komfort anpasst, und intelligente Textilien, die die Temperatur regulieren und sogar die Gesundheit überwachen.“
Über Biolumineszenz und leuchtende Radwege hatte ich bereits berichtet. Smarte Textilien und der Natur nachempfundenes Design gibts es schon länger, wie auch Exoskelette. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme (MPI-IS) in Deutschland und der Pennsylvania State University (PSU) in den USA haben 2020 ein synthetisches Material entwickelt, das sich nach Beschädigung innerhalb von einer Sekunde selbst reparieren kann.
A brave new song
Im Zuge der Ausarbeitung des Manifests habe ich mich gefragt, wie man sich emotional in eine Zukunft hineinversetzen kann, ohne genau zu wissen wie sie aussehen könnte. Und da hat mich der Umgang mit Art of X (Art×) dann so richtig überzeugt, weil es mich indirekt dazu gebracht hat, mich von den Ideen der KI inspirieren zu lassen und selbst kreativ zu werden. Im Team mit Experten genutzt, kann ich mir vorstellen, wie wichtig Tools wie dieses in Zukunft sein können.
Nun hatte ich die Idee, aus dem Manifest eine persönliche Geschichte um eine Frau zu formen, die im Jahre 3000 auf dem Radweg zur Arbeit in ein Gewitter gerät und der Stadt, den Zwängen, dem Moloch, dem Job einfach davonfährt und sich mit der Natur verbindet. Verblüffend, das man sich so in Sekunden eine Geschichte ausdenken kann. Nach ein paar Tests Texte im Stile von Murakami oder „Film Noir“ verfassen zu lassen, die aber doch etwas hölzern und kitschig ausfielen, kam mir die Idee noch einen Schritt weiter zu gehen und Texte für ein Hip-Hop Stück zu erstellen, die ich dann editiert und in Passagen neu geschrieben habe.
Um (auch mir selbst) zu zeigen was alles möglich ist, habe ich dann mit Suno passende Musik daraus entwickelt. Suno generiert aus Text-Prompts Musik aus allen erdenklichen Musikrichtungen. Man kann eigene Texte und auch Song-Fragmente hochladen oder alles komplett generieren lassen. Für mich wurde dabei ein Kindheitstraum wahr, seine ausgedachten obskuren Song-Ideen wahr werden zu lassen und wild verschiedene Musikrichtungen zu kombinieren. Auch hier würde sich der Experte bestimmt kritisch zur Qualität des Werkes und der Vergeudung an Energie äußern und das auch sicherlich zu recht – mir hat es aber einen riesigen Spaß gemacht.







Comments (0)